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15. April 2009

Vortragsveranstaltung mit Dr. Walter Rummel

Als der Fluch der Moderne in die Eifel kam. Viele Interessierte besuchten den kurzweiligen Vortrag des Geschichtsvereines mit dem Titel "Die Preußen im Rheinland".

Referent Dr. Walter Rummel


Vorsitzender Frank Neupert bei der Begrüßung


Gut besuchte Veranstaltung


v.l. Wolfgang Horch, Dr. Walter Rummel, Dr. Maria Zaar-Görges, Frank Neupert


v.l. Marion Voigt, Anne Neupert, Frank Neupert, Dr. Walter Rummel


v.l. Roswitha Horch, Dr. Maria Zaar-Görgens, Berni Cornet, Doris Fröhlich
"Das Team zum Plaidter Wein"


Der Plaidter Geschichtsverein ist in der Region dafür bekannt mit lehrreichen Vorträgen die Historie begreifbar zu machen. Widmete sich der Verein in den letzten Jahren hauptsächlich archäologischen Themen und antiken Zeitabschnitten, wurde dieses Mal mit Walter Rummel ein Forscher der Neuzeit engagiert. Rummel referierte über das preußische Leben im Rheinland, der damaligen Rheinprovinz. Der Historiker studierte an der Universität Trier sowie in Oxford und Yale. Er führte das Rheinische Landesarchiv, hielt Vorträge und schrieb zahlreiche Aufsätze zu den unterschiedlichsten Themen. Vor circa 100 Besuchern drehte sich sein Vortrag um das ländliche Leben in der Eifel und auf welche Hindernisse die Dorfbevölkerung stieß, als der Staat ins Rheinland kam. Mit dem Staat war zunächst das napoleonische Reich und später nach seiner Zerschlagung im Jahr 1818, die preußische Staatshoheit gemeint. Anhand der Quellen ließen sich Eindrücke aus den Gepflogenheiten, der damaligen Bürger ziehen. Ein Güterverzeichnis der Plaidter Familie Göddertz, aus dem frühen 19. Jahrhundert wurde mit ländlichen Zeichnungen versehen. Diese bilden den Bauern Josef Göddertz bei der Feldarbeit ab und zeigen ihn mit unterschiedlichen Hutbedeckungen: Dem napoleonischen Dreispitz, der revolutionären Jakobinermütze und dem biedermeierschen Zylinder. Unter der Perspektive von drei so unterschiedlichen staatlichen Strömungen wurde das Jahrhundert bestritten. Jenes wache Verständnis auf den Lauf der Geschichte war auf dem Land eine Seltenheit und bewies, welche unruhigen Zeiten damals im Rheinland herrschten.
"Als der Fluch der Moderne in die Eifel kam", betonte Walter Rummel, änderte sich für die Landbevölkerung der Mittelgebirge einiges. Denn der Staat des Napoleons und später der der Preußen reglementierte wo er nur konnte. Jene vermeintlichen zivilisatorischen Fortschritte, die durch die neuen Systeme in die Gesellschaft erodierten, waren für die an das Alte Reich gewöhnten Menschen eine enorme Umstellung. Auf dem Land hing man noch an den feudalen Strukturen, denen vor 1806 nach, und man konnte sich unter dem modernen Beamtenapparat nicht viel vorstellen. Sowohl die Franzosen als auch die Preußen hatten ihre liebe Not mit den "widerspenstigen Bauern", wie es zeitgenössische Quellen belegen. Napoleon brachte den Menschen den code civil, säkularisierte Staat und Kirche und gab dem Einzelnen Freiheiten. Doch die sittenstrengen und abergläubischen Dorfbewohner konnten sich nicht mit den neuen Verhältnissen arrangieren. Doch sie mussten! Der "starke Staat" übernahm die Federführung aller Lebensbereiche. Er drang ein in die Markthallen, Viehmärkte und Wohnstuben der Bürger. Die Repressalien des Alltags nahmen mitunter groteske Züge an. So tat sich der Amtsschimmel täglich hervor, indem er den Menschen "Anleitungen zum richtigen Leben" gab. Er diktierte Verhaltensweise und nahm den Bürgern die Möglichkeit althergebracht zu handeln. Ob Wald, Feld oder Flur, ob Wirtshaus, Kirche oder Kinderspiel, all das regulierte Preussen, all das war es wert in Paragraphen gepresst zu werden, wodurch noch mehr Armut entstand. Denn im nunmehr preußischen Wald durften die Tagelöhner, Hirten und armen Bauern keinen Reisig mehr sammeln, kein einziges Blatt ihrem Vieh verfüttern, da dies Waldfrevel bedeutete. In Zeiten der Julirevolution (1830) und des Vormärzes (1818-1848) begann das geknechtete Volk die Trommel zu schlagen und im Rahmen ihrer Möglichkeiten auf die Barrikaden zu gehen. Honorationen wie Pastöre, Lehrer und Bürgermeister spürten den Unmut deutlich. In den Gemeindechroniken und Kirchbriefen der Archive ruhen diese "Geschichten in der Geschichte". Es sind wahre Fundgruben. Wenn da von "Volkshaufen", "grölenden Burschen" und "aufständischen Weibern" gesprochen wird, die "die Gasse demolierend durchs Dorf zogen" und sich den "Lützerather Fastnachtstrunk" oder gar den "Anker der Trabacher" schnappten, wird deutlich, dass die Landbevölkerung rebellierte. "Der Fluch der Moderne" war es wert bekämpft zu werden, doch sind es eher nur Strohfeuer gewesen, die Berlin zwar schockierte, aber nicht in die Schranken verwies. Die weitere Entwicklung Deutschlands, vom partikularistischen Vielvölkerstaat zum preußischen Kaiserreich schloss sich an und "Zucht und Ordnung" kehrten auch durch den Kulturkampf ins Reich. Die Menschen bildeten einen kaisertreuen Pietismus aus. Die Revolution fraß ihre eigenen Kinder und war erstickt. Dennoch betonte Frank Neupert, der Vorsitzende des Geschichtsvereines, den Unterschied der preußischen und der rheinischen Mentalität. "Der Preuße sagt: Wir setzen es um. Der Rheinländer: Mal schau'n was d'raus wird. Das habe sich im Lauf der Zeit nie verändert."
Michael Harbeke jr.

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